Grafik und überschrift stammen aus C. Dancey´s großartigem Buch
"Compendium of Club Juggling"
(mit freundlicher Genehmigung des Autors).

Teil 3
Never Say 'Sorry'

Wolfgang Westerboer

 

Meist wirft man beim Jonglieren abwechselnd mit der Rechten und mit der Linken. Wenn´s hoch kommt, auch mal mit beiden Händen gleichzeitig. In wenigen Mustern wirft die selbe Hand mehrfach direkt hintereinander. Dabei sind solche Muster recht interessant, sind das Salz in der Jongliersuppe. Für solche Muster hat sich der Name "Hurries" durchgesetzt. Warum, wird klar, wenn man sie das erste Mal wirft ­ es geht recht schnell. Im Laufe der Zeit lernt man, die Muster ruhiger zu werfen. Und zu vielen Hurries gibt es auch eine Variante, in der beide Hände wie gewohnt abwechselnd werfen. Doch davon mehr im Theorie-Teil. Dort findet ihr auch Anmerkungen zu den Siteswaps. Wir beginnen praktisch. Ich bespreche die Muster recht ausführlich und causal diagrams gemalt, um einen einfachen Einstieg in die Muster und in die causal diagrams zu ermöglichen.
Damit dieselbe Hand zweimal hintereinander werfen kann, muss sie ­ man ahnt es kaum ­ zwei Keulen hintereinander fangen. In allen bisher vorgestellten Passing-Mustern passierte das nicht. Warum? Weil beide Jongleure immer brav auf die Hand geworfen haben, die als nächstes dran ist. Was aber, wenn diese Reihenfolge durchbrochen wird? Nehmen wir als Beispiel P7 aus dem 2. Teil, den 6 Keulen 3-count. Die meisten von euch werden das Muster inzwischen probiert haben. Es ist eine große Hilfe, für Passkeulen eine andere Farbe zu nehmen als für die Selfs: Immer dieselbe Keule wird diagonal gepasst ­ für den geraden Pass gilt dasselbe.


P 13 6 Keulen 3-Count, 1 single cross pass, <3px 3* 3|3px 3* 3>
Jongleur A passt mit rechts - aus purer Lust wirft er aber nicht geradeaus auf die linke Hand von B, sondern diagonal auf B´s Rechte. Für A ändert sich erstmal nichts, aber B kriegt ein Problem. Im causal diagram sieht man das recht deutlich: Der erste Pass von A (obere Zeile) geht von rechts auf rechts und zwingt B dazu, zweimal aus seiner rechten Hand zu werfen ­ erst einen Pass und sofort danach einen self. In Folge werfen die beiden mit unterschiedlichen Händen: A links, B rechts, etc. Ein paar Würfe später rächt sich dann auch A´s Tat, da bei ihm auf einmal eine Keule auf der verkehrten Hand ankommt (siehe Fig. 13).
Wenn ihr das Muster jongliert und abergläubisch seid, werdet ihr die Nummer sehr treffend finden: es will einfach nicht klappen! Denn den folgenden Pass werfen beide auf derselben Seite des Musters, A mit links und B mit rechts, und da ergeben sich schnell Zusammenstöße.
 




 

P 14 6 Keulen 3-Count, 2 single cross passes,
<3p 3 3 3px 3 3 3px 3* 3|3p 3 3 3p 3* 3 3p 3 3>
Um beiden das Leben leichter zu machen, entschließt sich A, noch einen diagonalen Pass zu machen, diesmal mit links auf links. Danach sind beide wieder im normalen 3-count.
Wie ihr im causal diagram seht, sind die Hurries nach den 2 Passes gleichmäßig auf beide Jongleure verteilt: der erste ist bei B und der zweite bei A. Danach können beide wieder im normalen 3-Count werfen. Der erste kurze Ausflug in die Welt der Hurries ist (erfolgreich?) beendet.
 

 



P 15 Jim's 3 count
<3px 3 3 3px 3* 3 | 3p 3* 3 3p 3 3>
Das wohl berühmteste Muster des ausgegangenen 20. Jahrhunderts. Es ist nichts anderes als P 14, aber nun ohne Unterbrechung geworfen. Ein echtes rechts - links Muster, mit Hurries für beide. Versucht´s, es ist wirklich nicht zu schwer. (Neulich in Bremen haben wir´s in den rechts-links Workshop für Einsteiger gepackt).
Nach dem ersten diagonalen Pass von A werden die Passes immer zweimal hintereinander aus derselben Hand geworfen, also Rechts Pass, Links Pass, Links Pass, Rechts Pass. Und natürlich noch ein paar selfs dazwischen, die aufzuschreiben hier aber nur gestört hätte.
Die Grafik (Fig 15) stellt nur die erste Hälfte des Musters dar. Da am Ende von P14 die Hände vertauscht sind, wird der zweite Teil des Musters spiegelbildlich zum ersten geworfen.
 


P 16 6 Keulen 3-Count, 2 single cross passes
<3px 3 3 3p 3 3 | 3p 3* 3 3px 3* 3>
Eine andere Möglichkeit, aus dem in P13 selbst geschaffenen Problem herauszukommen: A und B passen immer abwechselnd diagonal. Dann sind alle Hurries bei B. A passt mit beiden Händen auf B´s rechte Hand. B passt nur mit rechts, einmal gerade und einmal diagonal.
 



P 17 6 Keulen 3-Count, self double hurry
<4x* 2* 3px | 3 3 3p>
Noch ein Muster, bei dem die Hurries nur bei einem der Jongleure erscheinen. B zwingt sich sozusagen selbst, einen Hurry zu werfen (vergl. Muster 13, bei dem A seinen Partner B durch einen diagonalen Pass zum Hurry zwang). Er beginnt mit einem Double aus rechts, direkt nach einem Pass. Doubles gehen normalerweise auf die gleiche Hand, diesen wirft er aber auf seine Linke und schafft sich so selbst ein Problem ­ in ein paar Augenblicken wir diese Keule auf der falschen Hand landen. Bevor das passiert, wartet B einfach. Im causal Diagram sieht man, dass der Pfeil der Linken zurück auf dieselbe Hand zeigt. Auf Deutsch: Die Keule wird festgehalten. Dann aber wird der Double gefangen, und zwar mit links. Dummerweise kommt dort gleich der Pass von A an, B muss die Hand also schleunigst freimachen. Gerade passen scheidet aus (der Pass von A kommt an, vergl P13) also ein Pass diagonal (siehe P 14). Das ganze lässt sich wieder durchgehend werfen.
 




P18 7 Keulen 3-Count, diagonal
<4p 3 3 4p 3* 3 4p 3 3| 3 5px 3 3 5px 3 3 5px 3*>
Beim normalen 7 Keulen 3 Count wirft ein Jongleur gerade und einer diagonal. Hier nun will B, der eigentlich gerade passen sollte, alle Pass-Würfe diagonal werfen. Natürlich ergeben sich dadurch wieder Hurries, die gleichmäßig auf beide Jongleure verteilt sind. Leider ist das Muster trotzdem etwas unausgewogen, da eine Hand öfter passt als die andere. Welchen, hängt natürlich davon ab, wie ihr beginnt, und man kann so natürlich die schwächere Hand hervorragend üben. Wie schon bei P15, zeigt das causal diagram nur die erste Hälfte des Musters.
 



Hinweise zu den Grafiken:
In Teil 2 des Workshops habe ich in den Causals nicht notiert, welche Hand gerade wirft. Hier ist das nun unumgänglich. Auf der anderen Seite brauchen wir die Angabe nicht, ob ein Wurf ein Single, ein Double oder ein Wasdannauch ist ­ das geht aus der Länge des Pfeiles hervor (siehe Teil 2, Ein Causal Puzzle).
Nach dem Vorschlag von Martin Frost in "Jugglers World" (1994) habe ich die Hurries mit einem * gekennzeichnet.

 

Theorie:
Mathematiker werden sich bei diesem Artikel vermutlich sämtliche Haare ausgerissen haben. Jeder der so genannten Siteswaps enthält ein paar Sonderzeichen, die besagen, ob dieselbe Hand nochmal werfen (mit einem * notiert) oder ob ein Pass diagonal statt gerade sein soll (x). Mit der bewährten Siteswap-Notation hat das nur noch wenig gemein. Vielmehr habe ich aufgeschrieben, was man zu werfen meint. Fragen hierzu zu beantworte ich gern per email (Adresse steht am Ende des Artikels). Wenn großes Interesse besteht, könnte ich in der nächsten Kaskade noch genauer auf die Hintergründe eingehen.
Zu vielen Hurries gibt es Varianten, die ohne Hurries auskommen. Dazu fügt man zwischen den Hurries einfach eine Haltezeit ein (2 in Siteswap), und passt die Länge der anderen Würfe an. Ein Hurry mit der Rechten verschwindet dann in einer Haltezeit mit links und einem Wurf aus rechts. In der Folge erhalten diagonale Passes gerade Siteswap - Nummern. Schauen wir mal auf P 15: A wirft diagonal, seine Passes sind also 4p, B wirft gerade, also 3p. Wenn nun noch die Haltezeiten eingetragen und damit die Hurries entfernt werden, lautet das Muster:
<4p 3 3 4p 2 3 3 | 3p 2 3 3 3p 3 3>
Damit beide noch gleich hoch werfen, verzögert A seine Würfe um einen halben Takt (vergl. Teil 1 des Workshops), und beide passen auf Höhe 3.5. Das Muster ist aber nur der halbe Spaß, da die Hurries fehlen.
Bleibt eine Frage: Aus welchem der Muster kann man auf diesem Weg den Hurry nicht rasbekommen? Viel Spaß beim Suchen.


 

Zum Causal Puzzle:
Legt doch mal die Muster auf das Puzzle ­ Feld aus Teil 2 des Workshops. Notiert mit Bleistift oder sonstwie, welche Hand gerade wirft. Kulis kann ich euch nicht empfehlen, da ich weder an den Umsätzen der Kaskade noch an denen eures Kopie ­ Shops beteiligt bin.
 

Animationen:
Die Muster dieses Workshops können wieder mit geeigneten Animationsprogrammen angesehen werden. Das Puzzle, die Muster des Workshops und Links zu Programmen findet sich unter: http://www.koelnvention.de/animation/

Verweise:
Charley Dancey, Compendium of Club Juggling, ISBN 1898591 14 8
Jugglers World, Summer 1994
Jugglers World, Fall 1997
Rechts-Links Muster ohne Ende findet ihr auf Isaac Orr´s Internet-Seite
http://surf.to/IsaacOrr
über den Zusammenhang von Mustern mit und ohne Hurries ­ leider nur auf Deutsch:
http://www.informatik.uni-leipzig.de/~joe/juggling/patterns/brainstorm.html
http://www.koelnvention.de/epw/hurriedyn.html
Die meisten Muster von Isaacs Seite habe ich inzwischen zum Archiv von JoePass hinzugefügt:

Kontakt:
Wolfgang Westerboer, Körnerstraße 102, 50823 Köln, westwolf@gmx.de, http://www.koelnvention.de



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